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Das Osterspiel zu Redentin

Samstag 11. April 2009 von admin

Das Redentiner Osterspiel ist in einer alten Handschrift aus dem Jahre 1464 überliefert und ist ein mittelniederdeutsches Mysterienspiel.

Die originale Handschrift wird in der Badischen Landesbibliothek Karlsruhe verwahrt.

Im 15. Jahrhundert gehörte Redentin zum Kloster in Doberan, weshalb anzunehmen ist, dass Mönche des Klosters die Handschrift verfasst haben.

Neuere Untersuchungen bringen die Handschrift in enge Beziehung zu dem im Jahre 1463 entstandenen “Lübecker Totentanz”, weshalb auch eine Entstehung in Lübeck sein könnte.

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Teil 4

Sonntag 5. April 2009 von admin

VIERTE HANDLUNG. Tag der Auferstehung.

Erster Auftritt. Erweckung der Grabeswächter.

V. 749—798.

Das Grab. Der Wächter auf dem Turme  singt sein Lied, darnach spricht er:

Wachet, Ritter, es ist schier Tag!
Ich vernehme der Morgensterne Schlag.

Er bläst  auf seinem Hörn dreimal, dann spricht er wieder:

Es tauet in der Aue nu,
Ritter stolz, brich deine Ruh!
Wenn ein Ritter gelegen warm
in Herzeliebes Arm,
so braucht ich drum nicht zu klagen,
dasz sie in dem Neste länger lagen.
Ihr aber liegt in Sorgen:
Steht auf! ‘s ist schöner Morgen.

Er bläst wieder zu dreimalen, dann spricht er :
Waffen, Waffen!
Wollt ihr den ganzen Tag schlafen?
Die Sonne mag euch in die Scham scheinen.
Unsrer Bürger Mägde brachten bereits den Brei ihren Schweinen.
Ich darf euch nicht piepen mit dem Horne,
man musz euch wol läuten die Glocken aufm Turme.

Er bläst  wieder auf seinem Hom.

Der erste Ritter.
Wol auf Ritter und Knappen !
Hier ist allzu lange geschlafen.
Es ist uns lästerlich ergangen:
Jesus der ist auferstanden.
Es war eine verfluchte Stunde,
da wir nicht wachten in der Runde:
hier ist verloren Gut und Ehr,
des mögen wir uns wol schämen sehr.

Der andere Ritter.
Das wars! Mir träumte also unsacht,
weisz nicht wie auf meiner Wacht,
ich weisz nicht was ich sage:
ein grosz Erdbeben kam vor dem Tage,
das ist uns Allen zu leide geschehn,
ich konnte da nicht sitzen noch stehn.
Eia, zuvor es gesagt hab ich, 
ihr wolltet leider nicht hören auf mich:
seine Jünger sind gekommen
und haben uns den Mann genommen.

Der dritte Ritter.
O weh des Schlafes den wir schliefen!
Dasz wir den Wächter nicht anriefen ! 
Ja wären wir nicht zu weise gewesen!
Ich habe ja doch in dem Buche gelesen:
„Ein Mann soll in keinem Dinge zu weise tun”
das haben wir alle erfaren nun.
Gebet doch Rat, wie mit Ehren noch 
vor unsem Herren wir Kommen doch?

Der vierte Ritter.
Nun uns Jesus fort ist genommen,
werden was Schönes zu hören bekommen!
Doch da es uns einmal so übel sollt gehn,
wolln wir auf unserer Unschuld bestehn.
Warum wollten wir weichen aus dem Lande?
Wir wollen zuvor kommen der Schande,
wir wollen hin vor Kaiphas gehn
und laszen diese Rede den Juden verstehn.
Sie gehen zu der Juden Schule.

Zweiter Auftritt. Die Wächter vor dem Hohenpriester.

V. 798—882.

Der erste Bitter.
Herre Bischof, Gnade von dir!

Kaiphas.
Nun ihr Helden? Saget mir,
wie giengs euch in der Nacht?
Habt ihr das Grab auch wol bewacht?

Der andere Ritter.
Herr Bischof, dürfen wir sprechen ohne Gefar ?

Kaiphas.
Gewis, gewis, so wie es war.
805 Saget was euch widerfuhr!

Der andere Ritter.
Herre und all ihr Juden, das glaubt mir nur :
in dieser selben Nacht
sind wir in angstreiche Not gebracht.
Ehe es noch begann zu tagen, 
wurden wir zu Boden geschlagen
von einem Erdbeben stark:
das gieng uns allen durchs Mark,
wir verloren unsre Sinnen.

Kaiphas (will sie hinaustreiben.)
Nun packt euch von hinnen! 
Ihr seid mir grosze Helden,
konntet ihr denn nicht kommen und melden
alles was ihr hattet gesehn?
Wir lieszen mehr Leute zum Grabe dann gehn.
Könnt denn nicht Einer den Andern trösten?
Man sollte euch das Nest rösten.

Der dritte Ritter.
Kaiphas, nun höre mich,
hätte dasselbe betroffen dich,
du lieszest wol dein Schelten,
beichtend musz ich die Warheit melden: 
Kaiphas, das sei dir bericht’t:
Jesus ist in dem Grabe nicht;
Er sollte auferstehn
und “nach Galliläa gehn.

Hannas.
Hör nur einer diesen Affen,
was beginnet der zu klaffen!
Wie sollte ein Mensch vom Tode aufstehn,
oder aus dem Grabe gehn?
Das Grab haben wir mit Steinen wol bewehrt,
dasz daraus kein Mann nie fährt, 
wir haben unser Insiegel davor gehängt,
er hat sich nicht herausgedrängt,
ohn dasz man geholfen da,
rechte Kälber seid ihr ja,
ihr habet es übel bewacht; 
ihr wollt doch nicht sein als Ritter geacht’t?

Der vierte Ritter.
Hannas, dummer Mann,
sieh doch die Sache richtig an!
Ich will dir sagen Kunde schwer :
dasz Jesus ist ein großzer Herr,
Ich sah das fürwahr,
dasz der Engel von dem Himmel klar
mit einem groszen Glanze kam
und die Frauen zu sich nahm
an das Grab und sprach zugleich: 
„Jesus von Nazaret, sag ich euch,
der ist auferstanden
und ist in den Galliläischen Landen.”
Eures Spotts hab ich genug.
Geh und selber es untersuch : 
du findest unverstöret das Grab,
der Engel hob den Stein wol ab;
anders mag das nimmer sein:
Gott hat überwunden des Todes Pein,

Auf diese Rede treten die Juden zusammen zu Rate. Darnach spricht

Kaiphas.
Hier hör ein jeder, Ritter und Held,
sehet, nehmet dieses Geld
und schweigt von dieser Rede,
die ihr vernahmt an des Grabes Stätte.
Fraget euch wer, wo der Leichnam sei,
sprechet: ,,glaubt das auf meine Treu,
die Jünger haben ihn aus dem Grabe gestolen”,
so bleiben diese Ding verholen.

Der erste Ritter.
Gewis, wir schweigen wol alle still,
wenn es Pilatus aber wiszen will,
so müszen wir es doch wagen, 
vom Anfang bis zu End es ihm sagen.

Hannas.
Ihr Ritter, wir wollen euch schon vor Pilatus vertreten,
doch euer Ausschrein ist nicht vonnöten
unter dem Volk, das so grimmig und kühn,
wenn sies erfaren, sie werden uns nimmer grün. 
Drum, liebe Ritter, sei’s euch gesagt,
dasz ihr die neue Märe ja tragt
bei euch verborgen und still,
dafür man euch auch reich machen will.

Die Ritter.
Hannas, du hast uns ein Leichtes gebeten:
wir schweigen lieber als dasz wir davon reden ;
es steh darum nun wie es will — :
in Galliläa wiszens der Leute viel.

Die Ritter ziehen wieder zum Grabe an ihre Stätte;
Hannas und Kaiphas gehen in der Juden Schule.

Dritter Auftritt. Vorladung der Ritter vor Pilatus.

V. 883—900.
Pilatus Haus.

Pilatus.
Knäppelein, Knäppelein!

Knecht.
Was wollt ihr, lieber Herre mein?

Pilatus.
Knäppelein, geh an das Grab,
bring mir Botschaft schnell herab
und an die Ritter das bestell:
solln kommen zu ihrem Herrn schnell!

Knecht.
Herre, das soll geschehn,
ich wills ihnen ausrichten schön.

Er läuft zu dem Grabe.

Der Knappe zu den Rittern.
Ihr Ritter, Gott grüsze euch alle Vier!
Ihr sollet kommen schier
zu Pilatus eurem Herren:
der mag euer nicht entbehren, 
kommt nur schnell, das will ich euch raten,
so bekommt ihr auch was von dem Passabraten.

Der dritte Ritter.
Knäppelein, das soll geschehn.
zu seinen Gesellen:
Ich furcht, die Leviten liest man uns schön.

Der vierte Ritter.
Lieben Gesellen, nun laszet es gehn:
was sein soll musz notgedrungen geschehn.

Sie ziehen zu Pilatus Hause.

Vierter Auftritt. Pilatus und die Wächter.

V. 901—970,

Der vierte Ritter.
Herr König, Gnade von dir!

Pilatus.
Nun, ihr Ritter, saget mir,
was ist euch geschehn?
Was habt ihr in dieser Nacht an dem Grabe gesehn ?

Der erste Ritter.
Pilatus, Herre König, Botschaft ich bring,
uns sind begegnet seltsame Ding;
das ist eine neue Mär’,
so grosz und also schwer:
Jesus, den in Todesbanden
wir hüten sollten, ist auferstanden.

Pilatus.
Ja, das wüste ich wol vorher:
sicherlich habt ihr den Mann nicht mehr.

Der andere Ritter.
Zu befehlen Pilatus; das ist also:
drum sind wir und alle die Juden unfroh.

Pilatus.
Ihr Ritter, wie das gekommen sei,
des müst ihr mich berichten frei!

Der andere Ritter.
Pilatus, von dem Himmel hoch
die Schar der Engel niederflog:
die haben uns den Mann genommen;
drum sind wir nun so unterkommen.
Ich weisz nicht wie mir war geschehn,
ich konnte weder hören noch sehn;
Herr, glaubs oder nicht was ich bericht
unsre Schuld alleine war es nicht.
Da wir lagen auf dem Grab,
kamen, — genau wirs sahen — herab
vom Himmel Engel mit Gewalt,
mit groszer Klarheit, wol gestalt,
die benahmen uns Witz und Sinn
und riszen zumi Schlafe uns hin.
Die Engel zu dem Grabe kamen.
Jesum sie daraus nahmen:
den hatten sie lebendig zwischen sich
mit groszer Freude, däuchte mich.
Sie führten ihn an eine Stätte klar:
des ward ich in meinem Schlafe gewahr.

Pilatus.
Schlieft ihr, wie konntet ihr das sehn?
Das kann nicht wol zusammen stehn.
Seht ihr es auch, so schlafet ihr nicht:
ihr habt das unter euch selber erdicht’t.
Seid ihr nun Schlafes satt?
Man sollte euch machen ein Fingerbad,
dasz ihr an dem Grabe geschlafen,
man sollte euch mit Stricken strafen!
Ihr seid Ritter wolgemeit:
teuer ist euch die Mannheit!
Was Ehre habt ihr nun erjaget,
nun ihr die rechte Warheit saget?
Dasz ihr seid vom Heldenorden, — 
heute ist es klar geworden.
Ihr seid Helden zu der Not,
warhaftig, ihr verdienet alle nicht ein Hellerbrot!
Ihr seid Helden, dahin man soll fliehn:
sitzt nieder und laszet euch den Daumen ziehn !

Der dritte Ritter.
Seht, dahin haben wirs gebracht,
dasz wir am Grabe schliefen die Nacht,
da die Wacht wir halten sollten !
Das ist uns nun hart vergolten
mit Schimpfworten , welche beleidgen das Ohr.
Hätten wirs doch bedacht zuvor, —
wir hörten nicht Worte, wie man sie uns bot
und dürften nicht leiden Schimpf und Spott.
Nun haben wir Gut und Ehre verloren,
nun hält man uns immer für Toren;
und wo man andere Ritter preiset
da wird auf uns mit Fingern geweiset.

Pilatus.
Mich dünkt, dasz euch Jesus brachte in Schand
und das ganze jüdische Land.
Was hilft es, dasz ihr länger noch säumt?
Mit Schanden fort! — Meinen Hof geräumt!

Die Ritter ziehen wieder zu der Juden Schule.

 

Fünfter Auftritt. Kaiphas und die Wächter.

V. 971—988.

Der vierte Ritter zu Kaiphas.
Kaiphas ! Pilatus hat sich von uns losgesagt,
wir sind gar hart von ihm geplagt :
könnt ihr die Ungnad nicht vertreiben,
dasz wir können bei unserm Herren bleiben,
und geschieht das nicht gleich auf der Stell:
so will ich mit meinen Gesellen schnell
sprechen überlaut und frei,
wie Jesus ausgekommen sei.

Kaiphas.
Ihr Ritter, laszet euern Zorn,
wir haben euch ja gelobt zuvor,
euch zu vertreten, das ist unser Wille.
Wir müszen sehn, wie Pilatum man stille.

Hannas.
Wollt ihr, dasz Pilatus euch werde hold,
diesen Brief hier ihr mitnehmen sollt, 
dasz er den sich lesen lasz:
so habt ihr versöhnet seinen Hasz.
Und saget zugleich, dasz wir ihm beschieden
unsern Dienst und stäten Frieden.
Die Ritter ziehen zu Pilatus Hause.

 

Sechster Auftritt. Begnadigung der Wächter.

V. 989—1034.

Pilatus, lieber Herre, .
der Juden Bischof beut dir Dienst und Ehre,
diesen Brief den schickt er dabei:
lasz lesen was darinnen sei!

Pilatas.
Herr Schreiber, den Brief sollt ihr lesen mir.

Der Sehreiber. 
Herr, zu Befehle steh ich dir.

Pilatas.
Nun Schreiber, so fanget an!

Der Schreiber.
Das tu ich, so gut wie ich kann.
Hier steht geschrieben also:
Heil dir Pilatus, sei froh!
Der Juden Bischof Kaiphas 
und Hannas, der auch Bischof was,
und die Juden alle gemein,
die entbieten dir, Herre rein,
ewigen Dienst und stäten Frieden,
möcht ihnen Gewährung werden beschieden, 
wenn sie bitten für diese Ritter vier,
du wollest sie nehmen schier
wieder an zu deiner Huld:
so stehen sie immer in deiner Schuld.

Pilatus.
Ich nehme, das sei den Juden beschieden —
auf ihre Bitte euch wieder in meinen Frieden.
Bleibet meine Mannen treu
und nehmet nun von mir aufs neu
euer Gut und eure Lande.
Mich dünkt doch, die Juden sind in Schande: 
sie mögen das wenden her und hin
ich kann nichts Wahres finden darin.
Hab ich die Rede richtig verstanden,
so brachten sie töricht sich selber in Schanden,
da Jesus ist durch sie gestorben,
sie haben sich ewig Herzleid erworben.
Jesus, der her war kommen von Gott,
warhaftig ist er erstanden vom Tot.
Das möchten sie gerne nun bedecken:
müssen aber alle noch lange dran schmecken.
Das haben sie selber zuvor gesprochen,
und’s wird mit Recht an ihnen gerochen.
Wie gern ich ihn wollte von ihnen befrein,
ich sprach, ich will seines Blutes unschuldig sein,
da riefen sie alle,
mit so lautem Schalle:
,,An seinem Blute wir schuldig sind,
es komm über uns und unsere Kind!”
Das mag jetzt über sie wol kommen
zu ihrem groszen Unfrommen.

 

 

Das Teufelsspiel.

FÜNFTE HANDLUNG

Erster Auftritt. Lucifers Klage.

V. 1035—1144.

Die Hölle. Die Teufel bringen Lueifer, der mit Ketten gebunden ist,
und setzen ihn in ein Fasz. ‘ Er spricht klagend also :

Ich danke euch, meine lieben Knechte,
dasz ihr mir dienet nach dem Rechte!
Was ich euch heisze unterlaszet ihr nichts
drum werdet alle von mir bericht’t.
Ich habe auch wol von euch vernommen,
ihr steht allzeit nach meinem Frommen:
das soll euch reuen nimmermehr,
denn ich bin ja euer rechter Herr.
Wer nun zu Danke dienet hier,
bekommt auch sein Lehen von mir,
ich will ihn aller Bitten gewehren:
er soll mir danken grosze Ehren.
Nun habet ihr alle wol vernommen,
dasz uns groszer Schade ist gekommen,
der Hölle Thor zerbrochen ist
durch den gewaltgen Gott Jesus Christ.
Es ist uns sehr verunglückt:
er hat uns alle die Seelen entrückt,
die da mehr als fünftausend Jahr
waren in unseren Banden gar.
Patriarchen und Profeten
und alle die menschlichen Namen hätten,
sie wären sündig oder nicht,
wir nahmen sie alle in unser Gericht.
Die sind uns allzumal entschwunden, 
denn Jesus hat sie entbunden
und brachte sie in seines Vaters Reich,
von wo wir Armen alle gleich
wurden mit Schanden abgeschlagen:
nun haben wir in der Hölle Plagen,
wo ich mit Ketten bin festgeschloszen.
Doch wollen wir bleiben unverdroszen:
nun uns die Heiligen also entgehn,
so wolln wir uns nach den Sündern umsehn;
denn Gott der will verschmähn,
die in Hochmut sich vergehn:
an denen müszen wir uns laszen genügen,
und müszen uns all darnach fügen,
dasz wir sie lehren in solchen Dingen,
die sie gewis zu der Hölle bringen.
Darum sei mir ein jeder treu
und seh, dasz ihn sein Schaden reu:
die Weisen und Tollen betören er soll,
dasz wieder uns werde die Hölle voll.

Er schweigt eine Weile, darnach spricht er:
Ihr sollet euch schnell nun von hinnen heben
und nach meinen Geboten streben!
Die Leute sollt ihr also lehren,
dasz sie sich ja von Grott abkehren,
Laien und Pfaffen zumal,
die Herren, Ritter und Knappen all; 
in allen Landen nehmet des wahr,
beides heimlich und offenbar;
sie seien nun gut, oder bös und toll:
zum Aergsten ihnen man raten soll.
Niemanden sollet ihr verschmähn,
sie laufen, reiten, oder gehn’,
den Krüppel und auch den Blinden,
ihr sollet sie all zusammen binden,
dasz sie in Gottes Reich nicht bleiben,
aus dem man uns wollte vertreiben. —

Zu Satan gewendet:
Satanas, mein treuer Knecht,
hörst du, was ich gesaget, recht?
Da du der klügste von allen bist,
so gib ihn’ allen deine List,
dasz sie allzumal darnach ringen, 
dasz sie was Rechtes zur Küche bringen.

Satanas.
Lucifer, lieber Herr,
kein Weg soll uns dünken zu fern:
wer da nur in einigen Sünden sei,
den wollen wir bringen herbei. 
Doch must du uns Rat geben,
ehe wir uns von hinnen heben:
wir bringen wen wir bringen dir, —
wer ist denn am meisten zu Danke hier?

Lneifer.
Satan, wie magst du so fragen? 
Der Büttel der sollte dich schlagen!
Kann man dich nicht bedeuten dabei?
Glaubst du denn dasz ich wendisch sei?
Bringet den Armen und den Reichen,
und laszet mir Niemanden von euch weichen 
den Wucherer und auch den Räuber,
den Fälscher und den Molkenzauberer,
den Gaukeier und den Kuchenbecker,
den Lügener und den Hundetrecker,
den Brauer und den Mülzer 
und auch den Sülzefüller,
den Altflicker und den Klauber,
den Schlittenschleifer und wer unsauber,
den Gerber und den Bracher
und auch den Rademacher,
den Opfermann, den Küster,
dazu den Kreppelröster,
den Leser und auch den Schreiber
den Pflughalter, den Wagentreiber
und die da spielen mit den Docken
und den Toren ihr Geld ablocken,
den Ritter und den Bauersmann,
die siehe dir besonders an!
den Schröder auch mit dem Schmidt,
die bring an einer Kette mit; 
die Zauberer,  jedes böse Weib,
seht zu, dasz niemand hinten bleib,
was helfen hier weitläufige Sachen?
Ihr sollt euch schnell von hinnen machen!

Sie laufen alle weg, Satanas spricht zu den Andern:

Ihr Herren benehmet euch alle weis,
so mögt ihr heute erwerb-en den Preis
vor Lucifer, unserem Prälaten,
drum mög es uns wol auf den Straszen geraten, 
zu werben für unseren Herren das Beste :
ein Lümp sei von uns der Letzte!

Zweiter Auftritt. Ausflug der Teufel.

V. 1145—1238,

Lucifer sitzt eine kleine Weile, darnach ruft er seine Knechte,
indem er mit lauter Stimme schreit:

Osten, Süden, Norden, Westen,
wol her, wol her aus allen Festen!
Wolan, wolan, wolan,
Lepel und Satan!
Alle die meine Knechte sind, 
die hören auf meinen Ruf geschwind,
die laufen alle schnell herein.

Er wartet ein wenig und da die Teufel nicht kommen, so ruft er wiederum:

Ich möchte meine kranke Kehle abschrein!
Wolan, wolan, wolan!

Mein lieber Knecht Satan,
mache dich eilig her zu mir,
das soll heute frommen dir.

Satanas.
Was hast du vernommen, lieber Herr,
dasz du rufest also sehr?
Nun bin ich kommen her’ zu dir : 
sage hin, was willst du mir?

Lucifer.
Ei was, lieber Satanas!
Wie hätte ich erwartet das,
dasz deine Antwort so unsüsze war!
Betrübt ist mein Gemüte schwer,
dieweil du nicht sogleich gekommen,
da du meinen Laut vernommen;
denn ich fürchtete also sehr,
dasz dir was zugestoszen war.

Satanas.
Hör Lucifer und erschrick dich nicht,
glaube mir nur mit Zuversicht,
da ich deinen Ruf vernahm,
alle sich nun haben berichtet
und sich Gott mit Ernst verpflichtet
und verschmähen unsere Lehre.
Das sag ich dir Lucifer, lieber Herre,
drum vor dich zu kommen getraun sie nicht recht.

Lucifer.
Meinst du Satan, mein lieber Knecht?
Sie hätten darum nicht zu fürchten gebraucht :
mein Zorn der ist allbereits verraucht.
Darum laufe zu ihnen schnell
und sag ihnen allen auf der Stell, 
dasz sie ja ihre Ehre bewaren
und allzumal hier herfaren
wenn sie hören meine Stimme klingen,
denn ich will vor allen drauf dringen,
ihnen Verschlagenheit zu lehren,
dasz sie zugleich wieder umkehren,
die unseren Willen hatten getan
und kamen auf so verkehrte Bahn.

Satanas.
Ja ich sags ihnen, Lucifer, fürwahr.
Dürfen sie kommen ohne Gefar, 
so will ich laufen unds sagen an,
damit sich keiner verspäten kann;
so fern auch sie hören dich rufen am Ort,
so sollen sie eilen uad kommen sofort.
Er läuft hinweg.

Dritter Auftritt. Rückkunft der Teufel mit ihrer Beute.

V. 1230—1680.

Lucifer sitzt eine Weile ganz stille, darnach schreit er überlaut.
Die Teufel kommen alle zu ihm gelaufen.

Lucifer.
Seid willkommen, meine lieben Knechte, 
nun tut ihr nach euerm alten Rechte,
dasz ihr kommet allzuhand,
wenn euch mein Rufen wird bekannt.
Das tatet ihr zum Ersten nicht!
Darum so gebet mir Bericht, 
wie das war, dasz ihr nicht kamet,
als ihr meinen Ruf vernahmet?

Astrot.
Herre, so geschah es hie:
wir liefen späte und früh
wol hundertmal die Welt allum,
beides gerade aus und krumm,
wo wir alle die Leute wüsten,
die wir mit unseren argen Listen
hätten zu uns gar gekehret,
und ihn’ unsere Werk gelehret: 
die haben wir ganz und gar verloren,
denn sie haben uns abgeschworen.
Also waren wir aus ohne Gewinn,
eilten darum nicht zu dir hin,
da deine Stimme über uns klang.
Ein Tag ward uns eins Jahres lang,
denn wir das gar wol bedachten,
wenn wir dir keine Seelen brachten,
dasz sich dein Zorn ja wollte mehren
und wir dir nicht willkommen wären.

Lueifer.
Ja, zwar lange seid ihr mir ausgewesen:
nur gut, dasz ihr nun seid genesen
und seid wiederkommen mit Liebe.
Man sollte euch hängen wie Diebe:
ihr durftet in meine Schule doch gehn
und meine Lehre wol verstehn!
Ich hielt euch für Tausend-Künste-Herren,
nun mag ich euch noch wol anders lehren,
wie man lehret die jungen Kinder,
die so stumpf sind wie die Rinder.
Doch will ich euch diesz vergeben,
wollt ihr mir beszer zu Danke leben
und ferner alle darnach stehn,
dasz euch die Seelen nicht entgehn.

Die Teufel alle.
Ja gewis, Lucifer, lieber Herr,
das wollen wir tun alle Zeit mehr.

Lucifer.
Nun so werde diesz vergeszen,
doch sollet ihr aufs neue ermeszen,
was ich sage hier allgemeine,
merket alles, was ich jetzt meine : 
nun es euch übel sollte ergehn,
sollet ihr davon nicht abstehn,
ihr sollet — dieses rate ich euch,
wich Lübeck euch machen allsogleich,
da müszen die Leute in Menge sterben,
so möget ihr viele Seelen erwerben,
beides Höker und Wäger,
Knochenhauer und Träger,
die Wirtin im Kruge mit ihrem Zappen
und auch’ den Mönch mit seiner Kappen,
die haltet alle bei dem Sterz,
greift männiglich ein gutes Herz;
bringet sie mir mit Schalle,
wenn ich rufe kommet alle!

Astrot.
Ja Herre, das soll immer sein,
und sollten wir darum leiden Pein.
Sollt es uns irgend wie gelingen,
wir wollen schon was zu der Küche bringen.

Lucifer.
Drum seid alle nun bereit,
Keiner verwart auf den andern die Zeit !
Die Teufel laufen alle hinweg.
Lucifer sitzt ein wenig, darnach schreit er überlaut
.

Puk.
Lucifer, Herre, Puk ich heisz
ziehe durch manchen Strauch meinen Steisz,
drum wolle nicht mehr von uns verlangen,
wir haben viele Seelen gefangen,
die wollen wir alle dir bringen ein,
sieh zu, lasz die Hölle dichte sein!

Lucifer.
Ich habe gerne gehört dein Wort:
geh hin und hilf sie ihn’ treiben fort!
Beweiset euch hart und weis,
so möget ihr von mir erwerben Preis.
Liegt eine Seele darnieder schwer, —
auf dem Nacken müszt ihr sie bringen her!

Die Teufel kommen und tragen die Seelen vor Lucifer.

Pak.
Freue dich, Lucifer, lieber Herre,
wir haben geworben um Preis und Ehre
sieh nur, wie sie hier zu dir nahn, 
die nach unserm Rate getan.

Astrot.
Sieh, Herre, diesen schönen Rei!
Magst geben uns wol ein gebraten Ei
und dazu was von dem Schinken,
dasz wir ja nicht nüchtern trinken.

Lepel.
Lucifer, wir sind wol aus gewesen:
die Seelen haben wir zusammen erlesen,
beides hin und her:
sieh sie an, lieber Lucifer!

Lucifer.
Ja Knechte, nun habet ihr wolgetan. 
Mein Lob nun sollet ihr auch empfahn,
dasz eure Kunst ihr und meine Lehr 
habet bewiesen alle so sehr.
Des habet alle immer Dank!
Die Zeit wird mir allzu lang: 
laszet die eine nach der andern vorgehn
und saget was von ihr ist geschehn,
womit sie’s haben verwirkt so sehr,
dasz ihr sie habet gebracht hierher:
so will ich zugleich dabei erwegen,
welche Pein ihr ihnen sollt auferlegen.

Noytor.
Herr, du siehst mit dem Baub mich kommen,
den ich erwarb zu unserm Frommen,
hier ist die Seele, die griff ich mir dort,
nimm’s Ei, von dem die Henne lief fort!

Lucifer zu dem Bäcker. 
Dir stäubt aus der Naseu die Kleie noch:
sicherlich bist du ein Bäcker doch!
Was hast du hier vorzubringen, sprich,
dasz sie haben gegriffen dich?
Wehe, bei dem Besitze meinl
Warum fuhrst du zum Himmel nicht ein?

Der Bäcker.
Gnade, Herre Lucifer!
Ich war ein Bäcker bis daher:
drum ist grosz mein Jammer und Not,
denn ich buk ja hohl das Brot :
Mit Hefe mengte ich den Teig,
damit das Brot so hoch aufsteig.
War da der Teig  noch irgend grosz,
brach ich davon einen Klosz
und warf ihn wieder in’  Trog hinein,
drum musz ich o weh! o weh! nun schrein!
Mit der Kleien buk  ich Kuchen:;
darum mich die Leute verfluchen.
Ich liesz das Brot nicht werden gar,
also betrog ich der Leute Schar.
Könnt ich nun leben wie vorher, —
ein Bäcker würde ich nimmermehr.

Lacifer.
Wolan, meine Knechte schnelle,
werfet den Bäcker in die Hölle!
Setzt ihn an den glühenden Ofen hin,
da sitzt er wärmer als in det Badstube drin.
Er buk das Brot mit kleinen Kääusten,
darum schlaget ihn’ mit den Fäusten.
Das hat er verdienet wol:
er buk das Brot teigicht und hohl.

Tuterille.
Herr, des sei von mir bericht’t,
ich war vergebens auszen nicht.
Tutevillus bin ich genannt:
den Schuhmacher bring ich an meiner Hand,
damit bin ich dir Untertan.

Lucifer.
Des habe Stank, mein lieber Kumpan! —

Zu dem Schuhmacher:

Willkommen, lieber Geselle mein!
Wie steht es um die Sache dein?
Wollt Jesus dich nicht in den Himmel nehmen?

Des magst du dich ja nun wol schämen!

Der Schuhmacher.
Ach gnädiger Fürst und Herr von mir,
wenn dus erlaubst, so sag ich es dir.
Ich verkaufte meine Schuh so teuer
und brannte die Sohlen bei dem Feuer.
Wenn ich das Leder sollte weichen,
so nahm ich Salz und Seichen,
Gest und Sauerteig tat ich dazu;
damit schmierte ich meine Schuh.
Das däuchte mich alles wolgetan.
Schafleder verkauft ich für Korduan, 
von Flachse machte ich den Draht,
davon dann schnell aufrisz die Naht.
Ungar war das Leder mein:
darum musz ich nun leiden Pein.
Ach wäre Mensch ich wie vorher, - 
zum Schuhwerk kehrt ich mich nimmermehrt

Lucifer
Ja, ja du hast vollkommen recht!
Tuteville, geh her mein Knecht,
in die Lohkuhle wirf ihn mir,
die voll Pech jüngst gesiedet ihr;
da er das Leder treten mag,
beides, Nacht und Tag.
Die Schuh verkaufte er den Leuten,
die Sohlen waren von Schafeshäuten.

Astrot
Lieber Herre, ich komme als der dritt’ 
sieh, den Hornträger bring ich dir mit!
Du hast mich gerufen gar zu schnell,
da entliefen mir ihrer vier auf der Stell.
Nun bring ich diesen alleine her:
er liesz sich greifen sonder Wehr.
Konntet ihr warten noch kurze Zeit,
ihrer zwanzig kämen in meinem Geleit.

Lucifer.
Warlich, du bist ein tüchtiger Mann:
groszen Stank sollet du empfahn.

Zu dem Schneider.
Hab ich die Briefe recht gelesen,
so glaub ich, du bist ein Schneider gewesen.
Du hast geschnitten manches Gewand,
nach der Schere steht dir die Hand.

Der Schneider.
Warlich, Herr, du sagest wahr,
ich bekenne das ganz offenbar.
Ich konnte wol von fünf Ellen
zu allen Zeiten die Hälfte stehlen;
daraus macht ich noch zwei Vorermel mir:
nun zerkratzt mich der Teufel dafür.
Die Farbe, sagt ich, wär wie sie wär, 
das Tuch sei eingegangen sehr.
Schnitt ichs zu Mantel oder Bock entzwei, 
so  stahl ich Handschuh und Socken dabei.
Mit heiszer Nade näht ich das Gewand,
weil dann die Naht bald wieder aufrannt. 
Und war es auch Ostern oder Weihnachten,
ich wollte der Feiertage nicht achten.
Nun entgelt ich meiner kurzen Ellen,
dasz ich Qual leiden musz in der Höllen.

Lucifer.
Wol her, wer nun sei mein Knecht,
diesem Schneider tut sein Recht
und werfet ihn in der Hölle Grund:
da soll er liegen wie ein Hund
und braten auf ewig heiszen Kolen,
er hat so manchen Mann bestolen.

Puk.
Ich heisze Puk, komm als der vierte nun auch, 
sieh Herre, ich hab einen groszen Bauch!
Ich habe ein Amt, des tue ich pflegen:
ich bin gewohnt mich in’ Keller zu legen:
wenn die Krügersche sich vergiszt
und den Becher nicht voll einmiszt,
ihr die Hand zu rühren ich pfleg
und ihr das Masz zu stoszen weg.
Denn wollte sie volles Masz verkaufen,
so konnte uns ihre Seele entlaufen;
doch mags wol beszer sein, dünket mich,
Herre, dasz ich sie bringe vor dich. 
Sie sei in deine Gewalt gestellt:
so habe was der Sau entfällt!

Lucifer zum Krüger.
Ich sage das bei meiner List, 
ich glaube, dasz du ein Krüger bist.
Mich danket, an deinem Antlitz ichs schau,
du gibst des Bieres Masz nicht genau.

Krüger.

Warum wollt ich es nicht gestehn?
Mich dünkt, ich kann dich nicht hintergehn. 
Viel des Bieres konnte ich machen,
das kam her von diesen Sachen:
Waszer nahm ich in Menge gar,
an Waszer mir nimmer ein Mangel war;
auch wenn ich verkaufte Bier oder Wein, 
so war das ja die Sitte mein:
in das Masz den Daumen ich schlug
und das Bier mit vielem Schaum ich hintrug;
wenn ich Wodebier masz.
ich mein, dasz ich dessen nicht vergasz,
der Kovent muste mit ansteigen,
so wurde mancher Pfennig mein eigen.

Lucifer schreit:
Wehe dir Dummkopf, was du begiengst!
Noch fauler als ein Aas du stinkst.
Weh dir, du bringst dich in grosze Schand!
Du hast deine Sünde nicht halb bekannt;
du sagst allein von deinem Schaum:
du hattest auch eines Diebes Daum’
oben hängen an der Tonnen:
damit hast du die Hölle gewonnen!
Meine lieben Knechte, nun seid bereit,
die Sehnen man dem Krüger zerschneid!
Setzet ihn bei die heisze Küppe
und gebt ihm zu trinken mit der Schüppe.
Bei beiden Daumen hänget ihn mir,
mit denen er schlug den Schaum in das Bier;
dasz er des Bieres so wenig gab,
dafür, ihr Knechte, zalet ihn ab!

Belsebuk.
Lucifer, Herre, ich komme nu,
tpru  tpru
Hätt ich nicht deine Stimme gehört,
ich hätte ihrer noch wol mehr betört.
Nun sollte ich diesen Einen nur fahn.

Lucifer.
Eia, du bist mein Diebes-Kumpan!

Zu dem Weber.
Geh doch, du solltest nichts Gutes genieszen!
Mich dünket, du lieszest die Spule schieszen.
Hab ich recht die Briefe gelesen,
so bist du gewis ein Weber gewesen.

Weber. 
Lieber Herre, das ist wahr,
ich war ein Weber manches Jahr. 
In Untreu mir das Leben verstrich,
immer das vierte Knaul nahm ich für mich.
War der Einschlag nur irgend zu lang, 
So nahm ich davon den Beigang.
Das könnt ich allzu geringe wiegen, 
Laien scheren, Pfaffen betriegen;
Drum musz ich nun mit meinen Gesellen
Qual leiden in der ewigen Höllen.

Lucifer.
Warlich, du sagst mir Worte so wert,
die hab ich allzugerne gehört. 
Wollt euern Bauer ihr also bestricken,
so können leicht wir die Hölle wol flicken
und bauen dazu noch ein Gefach:
so habet ihr Raum und euer Gemach!
Darum greifet nur gleichmäszig zu, 
dasz keiner von euch sich wehe tu;
und werfet den Weber mit dem Gestelle
hinunter in die tiefe Hölle!

Krummnase.
Herre, du machest groszen Prang:
die Zeit die wird dir allzu lang. 
Wär ich länger aus geblieben,
ich hätte die Hölle allein voll getrieben;
nun bringe ich nur Einen dir.

Lucifer.
Lieber Knecht, so genüget mir.

Zu dem Wurster.
Ob ich mich betrogen, soll mich verlangen: 
mit Wursterei bist du umgegangen.
An deinem Mund schon kann ichs ermeszen,
du hast viele Kaldaunen gegeszen.

Der Wurster.
Warhaftig, Herr, das hast du recht geraten !
Ich konnte wol Kuhmäuler braten.
Wenn ich die Würste machen sollte,
da tat ich hinein all was ich wollte,
Kaldaunen, Lungen und Mett,
ich tat auch daran kein Fett.
Wenn man sie braten sollte nu, 
so tropften sie wie ein alter Schuh;
wollt ich sie aber selber eszen,
so ward das Fett dran nicht vergeszen.
Hatt ich von einer Sau was feil,
so rief ich stets denn Leute in Eil: 
,,Komm her ! Kauf von einem jungen Schwein !”
Darum musz ich nun leiden Pein.

Lucifer.
Meine Knechte, nun herfür!
Nehmet den Betrüger hier,
sein’ Sülzefüsze obendrein,
denn er wollt nie ehrlich sein.
Schlagt ihn mit heiszen Kaldaunen derbe:
mit Würsten trieb er ja sein Gewerbe;
stecket ihn in den Schweinemagen,
darinnen mag er sich weidlich plagen.

Belial.
Herre, ich heisze Belial:
die Seelen hast du noch nicht all.
Sieh dasz ich auch mit Glück dir diene,
hier bringe ich dir eine rechte Brutbiene,
die hat getan nach unsem Werken,
drum soll er unsem Haufen stärken.

Lueifer zu Belial.
Du kannst dich gar schön ausdrücken,
man soll deinen Mund mit Schweineperlen schmücken!

Zu dem Höker. (Fetthändler).
Sage, mich dünket an deiner Sprache,
auch stinkst du nach der Heringlache,
als ob du ein Höker wärest gewesen
und habest den Hering ausgelesen.

Höker.
Möcht es nur genehm dir sein,
ich wollte bekennen die Sünde mein.
Hatt ich voll Heringe eine gute Tonnen,
so hatt ich mich auch nicht lange besonnen,
faule da einzumengen schön,
das ist von mir spät und frühe geschehn.
Hatte ich Bückinge oder Aal,
den Leuten ich ihr Geld abstahl.
Darauf war auch mein Sinn gericht’,
sie zu betrügen mit dem Gewicht.
Weil ich die Leute also betrog 
und Manchem so unverschämt vorlog,
drum musz ich in der Hölle Grund
und musz da liegen als ein Hund.

Lucifer.
Knechte, ihr sollt euch dazu bequemen,
diese rechte Eule zu nehmen,
des Feuers gebet ihm sein Masz,
seht zu, wo er hab sein Gelasz, 
er ist des alles gar wol wert:
setzt ihm den Steisz auf den heiszen Herd.

Likketuppe.
Ach Lucifer, Herr, dich begieszen man möcht!
Du liegst dir selber im Wege recht.
Sollt ich also die Zeit vertreibeu, 
so möcht ich lieber zu Hause bleiben.
Du rufst uns viel um die Ohren,
du machest uns allzumal wol zu Toren.
Ich mocht um so mehr vor Kummer sterben,
ich konnte nur einen Einzgen erwerben.

Lucifer.
Die Wäsche geht dir wie Spreu von dem Munde,
bei meiner Macht ! ich gedenk dirs zur Stunde !
Bist allzu sicher vor mir geworden,
ich bringe dich noch in ein andern Orden
und sage dir das bei meiner Ehr:
die Rede vergeh ich dir nimmermehr.

Zu dem Räuber. 
Wehe! dasz dir Leides gescheh!
Von Zorne tut mir mein Kopf so weh:
das habe ich all um deinetwegen,
o könnst du, wie ichs wollt! dich schinden mit Schlägen! 
Ist mir rechte Kunde gekommen,
so hast du manchem das Seine genommen,

Räuber.
Herr, wie kannst du es wol erraten!
Ich rieche wol was du willst braten:
du willst mich laszen zur Hölle gehn. 
All meine Schande will ich dir gestehn:
ich war ein Räuber in meinen Tagen,
nach Gott ich pflegte nicht zu fragen.
Ich brannte Scheune und Haus,
beides Kirchen und Klaus. 
Ich nahm den Kelch von dem Altar,
drum hab ich nun so grosze Gefar,
dasz ewiglich ich verloren bin.
Hätte ich das gewust doch vorhin,
ich hätte jedem das Seine gelaszen 
und Brot gebeten auf der Straszen.

Lucifer.
Ja ja, du bist nun hier:
„Nachbedacht”, das ist dünnes Bier!
Diese Reden sind mir [nicht] neu:
„hintennach”, — ‘s ist Weiber-Reu. 
Klug ist, wer sich zuvor bedacht:
hernach der nichts in die Hosen macht.
Höre Herr, ich will dich wol berichten:
du sollst keine neue Schelmstücke dichten.
Du sollst nun bei der Fahne bleiben,
ich denk das Rauben dir zu vertreiben.
Sieh, was kann’s dir nun helfen hinfort?
Du raubtest und übtest manchen Mord,
du tatst manchem armen Menschen weh,
darum nun in Not und Leiden geh!
Knechte, seid nur alle fromm,
dasz euch der Räuber nicht entkomm;
ich wäre selber zu helfen bereit,
doch gute starke Riesen ihr seid.
Haltet ihn fest, so hab ich euch lieb!
Haltet den rechten Kuhdieb!
Haltet ihn bei dem Zopfe gleich,
seht zu, dasz er ja nicht entweich!

Fankeldune.
Herre, Funkeldun bin ich genannt.
Ich lag bei dem Zaune unverwandt 
und habe gehorchet her und hin,
doch keiner Seel ich gewar worden bin,
weder von Laien noch von Pfaffen;
da begann ich vor Zorn zu schlafen.
Ich hab um so mehr zu lange geseszen, 
die Wölfe hätten mich können freszen.
Herre, diesz nimm nicht auf als Spiel:
solcher Knechte findest du nicht viel.
Hättest so laut nicht gerufen du,
es wäre mir schon was gelaufen zu. 
Darum magst du’s wol glauben mir,
wie ein Backofen dampfe ich dir.

Lucifer.
Dasz dir was Leides geschehe hie!
Dasz dich der Büttel an den Galgen zieht
Ich sag dirs bei dem was ich nenne mein,
du sollst in ein altes Weib fareu ein,
da sollst du leiden groszen Stank:
so wird dir die Zeit lang.
Du taugst doch anders nirgends zu,
du gehst besudelt wie eine Merzkuh.
Du bist trag und faul:
ich sah in der Welt keinen ärgern Gaul.
Auch unter Lahmen und Blinden
könnt ich nie solch eine Brutbiene finden.
Geh doch, du rechter Flabbemund,
pfui, du stinkst wie ein Hund.
Du willst dich in meinen Willen nicht finden:
geh hin und lerne Pferde schinden,
so kannst du schlafen den ganzen Tag;
ich musz es doch machen wie ich mag.
Meinen Abschied hab hiemit genommen,
ich denk wol noch zu Knechten zu kommen.
Warhaftig, ich duld dich nicht länger hier,
mache dich schnell aus den Augen mir!
Kommst du wieder je vor mich zu stehn, 
dir solls nimmer gut ergehn.

Vierter Auftritt. Satans Rückkunft.

V. 1681 — 1974.

Lucifer blickt allumher und da er Satanas nicht sieht, schreit er :

To jodute, was soll werden daraus!
Satanas bleibt ja zu lange aus !
Wer zöge mir doch Erkundigung ein,
ob er gichtkrank möchte sein,
ob er liegt an der Seuche in Wehe!
Wüst ich, wer ihm das Glas besähe!
Hätt er einigen Gewinn genommen, 
so  wäre er mit den Ersten gekommen.
Ich gräme mich sehr, doch dünket mir,
dasz er drauszen nach Seelen spür.
An Künsten er stets der erste war:
o weh! nun kommt er als letzter gar!
Er wollte der Seelen zu viel her jagen,
ich fürchte, er ist auf dem Wege tot geschlagen.
Doch ich will nicht ablaszen,
wo er auch sei, in allen Straszen,
sobald er von ferne hört mein Wort,
ich hoffe ja, dasz er sich reiszet fort.
Satan, treues Blut in der Not!
weh, ich fürchte, er ist tot!

Satanas kommt, einen Pfaffen ziehend, der nicht gehen will.
Er spricht zu ihm, der im, Psalter liest:

Wol auf, Herr Domine, tummle dich!
ich fürchte, mein Herre schelte mich;
machet was kürzer euren Gesang:
was hilft es dasz ich hier warte lang? 
Für Firlefanz halt ich eure Lection:
ihr müszet nun folgen nach meinem Ton!
Ihr murmelt frisch weg mit dem Munde,
doch merkt ich, war zu keiner Stunde
das Herze irgend dabei mit Begier. 
Wol auf, Herr Plättner, folget mir!

Pfaffe.
Nun segne mich der heiige Christ!
Ich beschwöre dich, sage mir, wer du bist?
Lasz mich mit Gemache und ungeschoren
und lasz mich lesen meine Horen. 
Ich beschäftige mit heiligen Reden mich hier:
Gott will es nicht gestatten dir,
dasz du nach deiner falschen Lust
mir irgendwie was Arges tust.

Satanas.
Geh doch, was helfen viel Reden dir?
Bei meinem Besitz, must fort mit mir!
Du willst dich allzu heilig machen: —
ich weisz noch wol von anderen Sachen.
Ich weisz nicht viel was du liesest da,
deine Horen sehr oft du vergiszest ja,
du willst immer im Vollen leben
und willst dich nicht aus den Krügen heben,
trinkst Bier wie Waszer, das ist eine Schand :
geh fort, du rechter Elefant !

Pfaffe.
Ich lobe warhaftig den guten Gott,
da treibst man nur mit mir deinen Spott.
Warlich, du magst dich wol vor mir waren:
ich musz hier anders wol verfaren.
Dienstbare Leute, holla, bereit!
Hätt ich Weihwaszer und Salz geweiht, 
ich wollt dir den Uebermut vertreiben,
du solltest mich laszen in Ruhe bleiben.

Satanas.
Fu, fu, Herr Schreihals, fu!
Geh doch, geh doch, was nähmest du?
Du kannst so viele Rede beginnen, 
warlich, du möchtest es mit mir gewinnen!
Ich lasz dich nicht länger quaken dort,
mache dich schnell von hinnen fort!

Lucifer.
Ach mein Herz vor Freude mir springt,
mich dünkt, aus Satanas Kehle das klingt.
Er singet ja, so dünket mich,
ich hoffe, er ist noch lebendig.
Möchte er mit dem Leibe kommen,
ich fragte nicht sehr nach Nutz und Frommen ;
das möchte erbarmen harte Steine,
kommt er, vor lauter Liebe ich weine.

Satanas bringt den Pfaffen zu Lucifer.

Satanas.
Gib acht, lieher Herr, gib acht zuhand!
Ich bringe einen vom geistlichen Stand,
Ich bringe dir hier einen Pfaffen,
der hat so manche Mette verschlafen!
Wenn es Zeit zur Messe gewesen,
so muste er seine Horen noch lesen;
auch machte er lange Malzeiten mit,
damit ward er auch der Vesper quit.
Er trinket auch wol mehr als genug:
zur Nachtsangzeit ist er in dem Krug.
Der Becher sei grad oder krumm,
er spricht stets: „es kommt dirs totum!”^
So spricht der andre: ,,Gott bewahrs!
ich trinke lieber mittel pars.”
Darum ist das der Wille mein,
dasz wir nicht ohne Pfaffen sein!

Lucifer.
Ach, wie konnte ihm das geschehn?
Wollen auch Pfaffen zur Hölle nun gehn?
Ich denke, du sollst uns nicht entlaufen 
und konntest du noch so viel Weihwaszer saufen !
Ihr Pfaffen, die ihr Viele belehret,
mich dünket dasz ihr die Leute verkehret,
ist es so, wie ich habe vernommen;
ihr prediget nicht zu unserm Frommen.
Die Leute tanzen nach eueren Pfeifen:
drum können wir leider Niemanden greifen. —
Hört mich, Herr Pfaffe, schweigt still,
ein kurzes Wort ich euch sagen will: —
stellt euch ein wenig mehr hei Seiten!
ich mag die Pfaffen so nahe nicht leiden.

Pfaffe.
Höre, ist das billig und recht?
Stehst du doch hier und auch dein Knecht l
Bei mir ist hier aber niemand mehr:
noch grauet mir nicht allzusehr. 
Willst du mich in der Hölle sehn,
so musz ich dir noch näher gehn!
Er geht ihm näher zu.

Lucifer.
Ach Satan, dasz du würdest gehänget !
Der Pfaffe hat mir die Hare versenget.
Das tut .er man mit schlichten Worten: 
käme er erst in unseren Orden,
so dürften wir nicht lange säumen,
wir müsten ihm die Hölle räumen.
Ich weisz nicht wo wir bleiben sollten
und in was Unflat wir faren wollten. 
Darum wol sagt man überall:
das beste Schaf beschmutzt mal den Stall;
ich meint, deiner Klugheit müst alles gelingen
nun läszst du dich einen Pfaffen bezwingen !

Pfaffe.
Meinest du, lieber Lucifer, 
dasz ich wirklich so dumm war,
dasz ich mich nicht könnte bewaren,
ich müst absolut zu der Hölle faren:
dann war ich vergebens zur Schule gegangen,
wenn mich die Teufel sollten fangen! 
Die Höll ist für mich nicht, ich sag es mit Fug,
denn da gibt es noch Laien genug,
die vor mir wol zu der Hölle faren,
dasz ich mein Leben noch möge sparen.

Lucifer.
Satanas, lasz den Pfafifen gehn, 
ich kann vor Hitze nicht länger stehn!
Ist er denn nicht heilig vor allen,
da Weihwaszertropfen von der Nase ihm fallen ?
auch trägt er den Weihrauch im Nacken noch:
bring weg den rechten Schief hacken doch!
Er hat so viele Psalmen gelesen:
dasz wir unverworren mit ihm gewesen!
Wir können an ihm doch nichts gewinnen.
Willst ihn noch nicht laszen von hinnen ?
Last du’n nicht gehn, ich sag dirs hiermit, 
ich geb dir wie Funkeldunen den Tritt.
Du willst mir zu lang zum Verdrusze dienend sein:
ich will deinen Dienst einem Anderen verleihn.
Bringst mir da einen Pfaffen her,
der gibt mir gehäszige Worte sehr.
Konntest so lange schön reden doch,
zerbrach man uns einmal die Hölle noch,
wir wollten uns alle dessen befleiszen
und wollten dir den Pelz zerreiszen;
ich wollte dir die Haube begieszen,
du solltest nichts tun, was wir dir nicht hieszen.

Satanas.
Menschenkind, sieh hier ist dein Psalter!
Geh nur, du rechter „Renn um das Altar” !
Geh! so müszest du nimmer leben!
ich muste in groszer Angst um dich schweben 
und habe die Huld meines Herren verloren:
der Büttel der müsze dich ziehn bei den Ohren !

Pfaffe.
Ja, ich geh, doch Zorn und Fluch
die bind ich zusammen in ein Tuch;
wenn du es wieder aufbindest,
so sieh was du darinnen findest.
Geh doch und woll dich nicht weiter bemühn,
so viele Pfaffen zur Hölle zu ziehn !
Wie konntest du so böse doch sein?
Die Pfaffen konnten vor dir nicht gedeihn. 
Die Warheit ich dir hier bericht:
die Pfaffen gehn freiwillig zur Hölle nicht,
und wolltest du sie mit Gewalt neinstecken,
du möchtest die Arme wol anders recken!
Höre, ich gebe dir meinen Fluch:
du sollst faren in das wilde Bruch,
da stiftest du Niemandem Schaden an,
was du taugest, das siehe dann!
Und Willst du nicht bleiben in Ruhe hier,
so les ich das Credo noch anders dir,

Satanas.
Ach mir beben all meine Knochen!
Ich wollte dasz ich hätte ein Bein zerbrochen,
oder dasz ich hätte die Weile geschlafen,
da ich schlich nach diesem Pfaffen.
Schon früher hab ich von ihm was geschmeckt: 
doch hat er mich noch einmal gegeckt!
Letzt war ich fort zu unserm Frommen
und war einem alten Weibe in den Bauch gekommen ;
warlich, da hatt ichs gar zu gut!
Da trieb er auch mit mir seinen Hochmut, 
über den Hals begann er zu rufen mir,
in eine Muschel gekrochen war ich schier!
Da liesz er mich doch noch auf dem Lande :
nun droht er mir zu grosze Schande,
ich soll in das wilde Bruch faren: —
was? soll ich da Vogelnester bewaren?

Lucifer.
Höret Satanas, höret, höret!
Ich glaub, ich sei nicht ganz betöret.
Hättest du den Pfaffen bei Zeiten heiszen gehn,
so dürftest du nicht so beschämet stehn!
du hörst nicht auf mich, der ich doch dein Herre,
so höre nun des Büttels Lehre!
Der Pfaffe jag dich, wohin er ganz will,
warlich, dazu will ich schweigen still.
Kann er dich in einen Rüden jagen, 
ich will nimmermehr nur nachfragen.
Du wolltst dich nicht hüten bei Zeiten bald,
nun must du faren in den wilden Wald.
Da must wie ein faules Schwein du dich fühlen :
du magst dir dann deine Narben wol kühlen !
Du führst deine freien Reden im Munde:
man soll hören, wenn bellen die alten Hunde.
Nun must du räumen diese Lande,
du bringst unsre ganze Gesellschaft in Schande !

Lucifer zum Pfaffen.
Herr Pfaffe, mit ihm euern Willen nur tut ;
sprach ich darwider, man schind mich aufs Blut !
Ich hab ihn die längste Zeit hier quartiert.
Seht, wie stehet der Kerl blamiert!
Nun musz ich sehn, wie ich es bestelle,
dasz ich einen anderen Vogt krieg in der Hölle ;
dieser arme Stümper tat sehr verkehrt:
er soll faren ins Müllerpferd!

Pfaffe.
Lucifer, lasz dir an dir genügen,
sonst will ich noch etwas für dich zufügen:
Kommt Jesus noch mal vor die Thore hier, 
die ganze Hölle zerstöret er dir.
Eines Dinges bin ich gewis:
dasz Gott stets gewaltger als der Teufel ist.

Lucifer.
Ihr Pfaffen habt kindische Art zumal,
zu scharfe Worte sagt ihr uns all.
Jesus ist weiser, so hoffe ich sehr,
als dasz er jeden Tag vor die Hölle läuft her.
Bei meiner Macht ! es hilft euch doch nicht,
und wären eure Worte noch mal so schlicht!
Ihr seid nun Pfaffen, oder Laien, 
ihr sollt mit uns zu der Hölle reien,
wenn die Sünde von euch ist geschehn;
ich will sehn, wohin ihr uns wolltet entgehn!
Jesus hat uns wol Seelen genommen,
doch sind sie nicht all zumal entkommen;
es ist noch nicht zu lange Zeit,
ich krieg wol zwanzig trotz der Geistlichkeit !
Meine Knechte solln ihnen im Hinterhalt liegen,
ich hoffe, wir wollen noch manche betrügen. —

(Lucifer klagend). 
Durch meinen Hochmut hin ich verloren — : 
weh dasz ich je ward geboren!
weh zu Hülfe mir viel Armen!
Wer sollte sich über mich erbarmen,
dasz so übel von mir ist geschehn?
Könnt ich in Reue und Busze gehn, 
die wollte ich gerne leiden
nun und zu allen Zeiten,
Wenn doch wär auf diesem Raum
bereitet so ein hoher Baum:
vom tiefen Abgrund aufgeleitet 
und mit scharfen Messern umkleidet,
die sollten an beiden Enden schneiden:
den wollte ich auf und nieder reiten
bis da käm der jüngste Tag.
Drum musz ich schreien o Weh und Ach, 
nun mir das nicht kann geschehn.
Nur Hochmut läszt mich verloren gehn!
Hochmut ist ein Anfang aller Sünde,
Hochmut hat uns Teufel versenkt in Abgründe,
Der Mensch ist zu den Freuden erkoren, 
die wir Teufel haben verloren:
doch wollen wir ihn zu uns ziehn,
wenn er nicht will die Sünden fliehn,
er sei Laie oder Pfaffe,
Herre, Ritter oder Knappe,
Bischof, Cardinal oder Papst,
Heinrich,  Hermann oder Niklas,
der Nonnen, oder Laienschwestern eine,
sie sei eine häsliche oder feine,
wenn die Sünde von ihnen geschehn, 
sollen sie mit uns Teufeln zur Hölle gehn.
Wir wollen ihn allen im Hinterhalt liegen,
dasz sie ja mit uns zur Hölle fliegen. —

Lucifer zu den Knechten.
Nun wol her, meine lieben Knechte,
ihr dienet stets mir nach dem Rechte, 
Was wollen wir tun zur ledigen Zeit,
dasz wir nicht mehr haben solchen Streit?
Ihr höret wol: was dieser Pfaffe spricht
Jesus kommt wieder zum Gericht,
Drum dünket mir gut, bei meinem Reich! 
dasz wir faren zur Hölle gleich
und behüten zu unserm Heil
die Seelen, die uns geworden zu Teil. —
O Knechte, mein Jammer ist so lang,
von Kummer bin ich worden krank,
wollt ihr wol tragen zur Hölle mich?

Noytor.
Ja Herre, wir tun es und pflegen dich.

Lucifer.
Knechte, nun tut mir nicht weh auf der Strecke !

Noytor.
Herr, deine Kniee nur tüchtig ausrecke,
so nehmen wir dich Hukepak, 
und wärst du so schwer wie ein Müllersack,
säsz dir auch’s Müllerpferd ganz im Magen,
noch wolln wir dich wol zu der Hölle tragen.
Lieben Kumpane, faszt ihn zugleich,
dasz ihm das Leben nur nicht entschleich!

Sie tragen ihn hinweg und singen: „trag weg den alten fornicatorem”.

 

Vierter Auftritt. Schluszrede. Die sogen. Abdankung.

V. 1975 — 2014.

Der Nachredner steigt auf das Fasz, in dem Lucifer lag, und spricht:

Höret ein wenig, alle gemein,
beides Grosz und Klein,
dasz wir das Spiel in Kürz und Bedacht
nun haben zu einem Schlusze gebracht.
Was hier und da dem Spiele gebricht — 
ihr wollet’s zum Argen auslegen nicht!
Hab ich es doch schon oft gelesen,
kein Mensch sei jemals vollkommen gewesen:
auch ist noch nicht auf Erden erschienen,
der da allen Leuten könnte zu Danke dienen.
Darum bitten wir euch nun am Ende,
dasz mans uns freundlich zum Besten wende!
Steht es in unseren Kräften, den schwachen,
so wollen wir hier nachmals ein beszeres machen.
Wir wollen uns freuen nun an Gott 
und erfüllen sein göttlich Gebot
und leben all in Gottes Gnaden,
so kann uns der böse Geist nicht schaden.
Denn also habet ihrs hier gesehn —
und wollets merken und verstehn, 
wie die bösen Geister darnach ringen,
dasz sie die Leute zu den Sünden bringen:
das tun sie dem Menschen aus Neid und Hasz,
dasz er nicht komm in die Freude, die er
vormals besasz.
Nun ist uns zuletzt im Vorbild beschrieben, 
wie die Leute von allen Ständen werden zur Hölle getrieben;
das ziehe Niemand zum Hohne sich,
ein jeder sich aber vor Sünden hüt säuberlich ;
denn des Argen geschieht leider noch mehr und zu viel,
als dasz man’s je könnte ganz aussprechen im Spiel, 
oder jedermann könnte beschreiben.
Gott gebe dasz wir allzumal bei ihm bleiben
in seinem ewigen Reich:
dazu verhelf uns Gott allzugleich!
Denn Gott der hat uns alle gerochen 
und hat der Teufel Hölle zerbrochen
und hat uns das Paradies gegeben,
da wir sollen ewig mit ihm leben.
Des wolln wir uns freuen in allen Landen
und singen : Christ ist erstanden.

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Teil 3

Sonntag 5. April 2009 von admin

DRITTE HANDLUNG. Die Vorhölle.

Erster Auftritt. Die Erwartung der Altväter.

V. 259—370.

Abel.
Ich frage euch allzumal,
die da sitzen in dieser Qual,
was wol diese grosze Klarheit bedeute,
die wir haben gesehen heute?
Was uns Gott in diesz elende Land
wol für ein groszes Licht gesandt?

Das ist ein wunniglicher Schein!
Ich bin Abel, den sein Bruder Kain
mordete ohne Schuld:
die Marter erlitt ich mit Geduld.
Ich hoffe, des soll nun ein Ende sein, 
das bezeuget dieser Schein.

Adam.
Freuet euch zu dieser Stund,
die da sitzen in diesem düstern Grund,
die Pein die dauert nun länger nicht!
Das ist des ewigen Vaters Licht,
das von ihm sollte kommen
uns zu allem Frommen.
Der Vater, ewig wunderbar, 
der schuf mich Adam wunnigklar:
das hab ich im Paradiese verloren,
nun hoff ich, dasz der sei geboren,
der uns ganz gewis
wieder geben will das Paradies.

Jesajas.

Ich bin Jesajas, aus der Profeten Zal,
ihr sollet das wiszen allzumal,
dasz diesz sei des göttlichen Vaters Schein,
davon sprechen die Bücher mein.
Ich sprach: „Populus gentium, qui ambulabat in tenebris, 
vidit lucem magnam, habitantibus in regione
mortis lux orsa est eis.”

Das Volk der Heiden wanderte in der Düsternis,
da sahs einen groszen Schein gewis;
die da wanderten in dem Lande der Todesschatten,
einen Glanz nun schauen die Matten.
Das ist dieser, drauf schwöre ich wol,
der uns nun bald erlösen soll.

Simeon.
Ich bin Simeon, sehr alt:
nun freuet euch alle bald!
Glaubet alle diesem Herren,
den ich im Tempel mit groszen Ehren 
 in meine Arme als Kindelein nahm,
da er nach seiner Müdigkeit zu mir kam.
Ich ward erfreuet so sehr
und sprach in dem Geiste: ,,Freundlicher Herr,
entlasz mich in Deines Friedens Geleit,
dasz ich von dieser Welt abscheid!
Meine Augen haben beschauet Dein Heil.
Gott-Mensch, gib mir an Dir mein Teil!”
Das Heil ist aller Leute:
Er will kommen heute
und lösen sein Volk, sein Israel:
Er ist der rechte Jmmanuel!

Er singt „lumen ad revelationem etc.”  Darnach spricht er:

Wer ist dieser fremde Mann,
der diesz rauhe Kleid hat an?
Er ist noch nicht lang von der Welt gekommen:
sag uns , was hast du vom Heiland vernommen ?

Joliannes der Täufer.
Warlich, ja ich bin ein Täufer
und bin ein Vorläufer
von Jesu Christo, dem ewigen Gotte,
ich bin ein Prediger und sein Bote.
Ich hab ihm den Weg an dem wüsten Ort
bereitet mit dem gepredigten Wort.
Ich hab ihn getauft in des Jordans Flut:
denn also hatte Er’s Selber geruht,
dasz er alles Gesetz erfüllen wollte:
also ich ihn auch taufen sollte.
Ich zeigte auf Ihn mit der rechten Hand
und sprach „Seht diesz ist der Heiland;
Diesz ist das wahre Gottes-Lamm
das herab von dem Himmel kam:
Er ists, der der Erde Sünde trägt,
Er ist mein Herre und ich bin sein Knecht .”

Nun bin ich zu euch gekommen,
das möge euch allen frommen!
Glaubts beim lebendgen Gotte,
ich bin sein wahrer Bote;
Er ist hier nahe bei,
der euch und mich will machen frei.
Er singt ,,Ecce agnus dei.”

Seth.
Mein Vater Adam lag in groszer Krankheit
und in des Todes Arbeit.
Er sprach: Sohn, nun höre mich,
eines Dinges bitte ich dich:
geh zum Paradiese leise
und sprich in dieser Weise:
,,Gott Vater gewaltig,
Adam, mein Vater bittet Dich,
dasz du ihm wollest geben
von deinem Oel der Barmherzigkeit, dasz er möge leben “.

Das tat ich nach meines Vaters Gebot.
Da sprach der Engel von Gott,
das war der Engel Michael,
er sprach : „Seth, lasz dein Wähnen schnell,
das Oel kann dir nicht werden,
pflanz man diesz Reis in die Erden:
wenn fünf tausend Jahre umkommen
und sechs hundert, da mags deinem Vater frommen
und seinem ganzen Geschlecht.
Hab ich das vernommen recht,
so ist die Zeit nun all vollbracht;
Gott hat unser wol gedacht:
er will uns lösen mit diesem Schein
von der Finsternisse Pein.

 
Jessajas
Warhaftig, ist das also,
des wollen wir werden alle froh.
Ich habe geprofezeit auf der Erden,
von einer Jungfrau soll ein Kind geboren werden,
er wird genennet Wunderlich,
Rat, Kraft, Held, Gott sterblich,
ein Fürste in allem Frieden:
auf ewig ists Reich ihm beschieden
Des wollen wir uns alle freuen nun:
wir sollen ewiglich mit ihm ruhn.

Zweiter Auftritt. Die Befürchtung der Teufel.

V. 371—484.

Lucifer.
Wol her, wol her, wol, wol her,
alles teuflische Heer!
Wol her aus der Hölle,
Satanas, lieber Geselle!

Satanas.
Lucifer, hier bin ich und meine Gesellen,
die da liegen in der Höllen.

Lueifcr.
Satan, wonach tust du schleichen,
dasz ich dich binnen drei Tagen nicht konnte erreichen ?
Weiszt du jene neue Märe?

Satanas.
Aha, Lucifer, lieber Herre!
Ich war mitten unter der Juden Schar:
da hab ich uns fürwahr
erworben einen Schatz von Wert.

Lacifer.
Lieber Kumpan, was hab ich gehört?

Satanas.
Lucifer und das ganze Geschlecht der Teufel,
ihr mögt euch freuen ohne Zweifel:
Jesus, den Profeten, grosz und hehr,
der da sprach, dasz Gott er wär,
den wollen wir bald hier empfangen:
Er ist all ein Kreuze gehangen,
er ist in groszer Not
und furchtet sehr den Tot;
er sprach: „tristis et anima mea usque ad mortem!”
Hölle, nun mach bereit deine Pforten!
Wie möchte er Gottes Sohn wol sein,
da er fürchtet des Todes Pein?

Lncifer.
Gott der kann versterben nicht,
o Satan, böser Wicht!
Er kann nicht versterben:
er will uns die Hölle verderben;
er will dich ganz betrügen,
er will dich gänzlich besiegen.
Ich habe Zeichen von ihm vernommen,
die von keinem puren Menschen kommen.
Satana, du betrügest dich.

Satanas.
Herre Meister, verlasz dich auf mich!
Ich bin gar nicht ferne gewesen,
als er sein Testament hat gelesen.
Er trank Eszich und Gallen;
er musz uns als Teil verfallen.
Ich richtete den Speer in sein Herz:
da litt er des Todes Schmerz.
Herre, bei meiner Nase krumm,
ich gehe nicht um die Warheit herum.
Ich war da auch nahe scharf,
da ich dir eine Seele vorwarf:
ich bracht dir Einen, der heiszt Judas,
der seiner Jünger einer was:
denselben half ich hängen
feste mit den Strängen.
Da hört ich von Jesu groszen Sturm,
er wandt sich recht als ein Wurm:
darnach muste er sterben,
unsre Hölle soll er erben.

Lncifer.  
Satan, hat er den Geist aufgegeben,
wo blieb denn seiner Seele Leben?

Satanas.
Herre Lucifer, gerannt und gelaufen ich hab,
da riefst du zu deinem Unheil mich ab.
Damit hab ich sie alle verloren.

Lncifer.
Satan, er ist uns zum Uebel geboren!
Belüge mich nicht ohne Not: -
Ist Er es, der Lazarum weckte vom Tot?

Satanas.
Ja Lucifer, das ist derselbe Mann.

Lueifer.
To jodute, Satan !
So bitt ich dich bei der höllischen Kraft,
bring Jesu Seel nicht zu unserer Haft!
Lazarus war uns in die Hölle gegeben,
bis dasz Jesus gekommen eben
und wollte ihn vom Tode aufwecken:
Lazarus begann sofort sich zu strecken
von den Banden der Hölle
und fuhr von dannen schnelle,
schneller als Adler fort.
weh, kommt er zu diesem Ort,
er tut uns unverwindlichen Schaden.

Satanas.
Wir müszen da anders zu raten :
wir wollen mit dem ganzen Chore
wol bewaren unsere Thore.

Noytop.
Lucifer, mich wundert, was das bedeute :
die Seelen vieler Leute
sind in groszem Schalle,
sie singen und freuen sich alle;
überlaut sie alle schrein,
dasz sie nicht länger solln hier sein,
sie haben gesehen einen Glanz,
und machen einen geistlichen Tanz.
Ists nicht nötig, dasz wir besehn,
was da Neues mag geschehn ?

Puk. 
Lucifer, wie lange soll das währen?
Wollen wir nicht zur Hölle uns kehren?
Unsre Gäste sind zusammen geladen.
ich rieche was sie braten:
da ist Adam,
Isaac und Abraham,
Jacob und Noah mit der Archen,
Moses und alle die Patriarchen,
Jesajas und Asarias,
David und Ananias
und der Profeten Verein,
ich weisz, warum sie schrein,
und Herr Simeon, der Alte:
sie schrein wie die Vögel im grünen Walde.
Da ist ein Mann mit einem rauhen Kleide,
der hat uns viel getan zu leide,
Johannes er hiesz,
dem Herodes das Haupt abschlagen liesz.
Er ist gekommen von der Erden,
sagt, dasz sie alle sollen erlöset werden.
Sie sitzen in Freude und tiefem Bedacht,
ach und ach! was mag werden vollbracht?
Wär Jesus etwa gekommen?
Ihr Herren, es wird uns frommen,
wir wollen fliehen schnelle!

Chor.
Und schlieszen zu die Hölle!

 

Dritter Auftritt. Ankunft Jesu bei der Vorhölle.

V. 485—578.
Jesus naht zu der Hölle. Als David ihn kommen sieht spricht er :

Nun kommt der Herre lobesam,
der sprach ,,portas aereas confringam”
in derselben Schrift,
die ihn nennt der Hölle Gift,
der soll diese Thore ehern
ganz und gar zerstören.
Auch sprach ich also :
,,Exsurgam mane diluculo,
ich will des Morgens früh erstehn.”

Gottes Sohn, lasz dich nun sehn,

löse nun die Deinen,
denn sie sind in Feinen.
Er singt „0 clavis David”.

Adam.
Ihr sollt euch freuen all ihr Stillen,
die gelebt haben nach Gottes Willen!
Ich seh die Hand, die mich erschaffen hat 
aus nichts ohne Jemandes Rat,
die uns will erlösen zu dieser Stunde
aus dieser bittern Höllen Grunde.
Darum wollen wir laut nun singen,
ein Willkommen/ dem ewigen Könige bringen.
Die Seelen singen „Advenisti”

Eva.

Sei willkommen du, der die Betrübten tröst’!
Ich hoffe, wir sollen nun werden erlöst.
Dein haben geharret wir manches Jahr
in Finsternis mit Sorgen und mit Gefahr;
nun hast unsern Jammer du angesehn
und willst uns zur Seligkeit laszen gehn.
Nun kömmt Jesus zu der Höllen. Die Engel schreiten voran.

Gabriel.
Ihr Fürsten der Finsternis, tut auf diese Thor,
der König der Ehren der ist hier vor!
Die Teufel singen ,,Quis est iste?”  (Wer ist der König der Ehren ?)

Lueifer.

Wer ist der gewaltige Held,
der gefaren kommt von der Welt,
als ob er sie genommen zu eigen sich?
Er sollt doch warhaftig verschonen mich,
dasz er also stürmet vor meiner Feste
und läszt mich nicht ruhen in meinem Neste.

Rafael, der dritte Engel.
Bas ist des lebendigen Gottes Kind,
er will lösen die Seelen, die hier innen sind,
und will sie bringen in seines Vaters Reich,
da sie sollen sein den Engeln gleich,
er bringet sie aus eueren Banden
hin, wo ihre Freude wird nimmer zu Schanden.

Die Engel siogen wieder ,,Tollite portas principes” (Machet die
Thore weit u. s. w.) Die Teufel „Quis est ist?” etc.

Lucifer.

Ihr Männer, laszt euer Stürmen sein:
die Seelen hier innen sind alle mein;
Ich fürchte, werdet herein ihr kommen,
dasz wir des haben keinen Frommen.
Ihr sollt euch alle da drauszen umtreiben
und uns hier laszen in Ruhe bleiben.
Die Engel singen zum drittenmal „Tollite portas, principes!”

Gabriel, der andere Engel
Öffnest du nicht sogleich die Thür, —
du bist verraten, das sage ich dir;
du wirst zu dieser Stunden
hierinnen fest gebunden
mit Banden, die binden auf ewig gleich,
so lange als Gott hat sein Reich.
Die Teufel singen „Quis est iste?”

Lucifer.
Nun seht, ists nicht eine seltsame Sache,
dasz wir nicht bleiben mit Fried und Gemache ?
Wir haben gewohnt hier länger als fünftausend Jahr
und würden solch Ungemach nicht gewahr,
dasz man uns mit Gewalt will vertreiben;
noch wollen wir alle hierinnen bleiben
so lang unsre Feste steht hoch und weit,
das sei euch allen lieb oder leid. —
Wer mag dieser König der Ehren wol sein?

David. 
Das  liest man ja in dem Psalter mein:
der Starke ists, der Hehre,
mächtig zum Streit und zu aller Ehre,
Er ists, der alle Ding hat geschaffen.

Lucifer.
To Jodide,  so sind verloren all unsre Waflfen
und alle unsere Wehr,
kommt der gewaltige König daher.

Jesus.
Ich bitte dich, Wächter an dieser Hölle,
dasz du öffnest sie gar schnelle:
Der erste Scherge zu Christus.
Gib her, zieh ab den bunten Rock,
darzu das Unterkleid,
du hasts gemacht ja viel zu grob,
es sei dir lieb oder leid.

Der zweite Scherge.
Wolan das Hembde musz herab,
es kommt für unsere Beut,
ei, ei du armer kahler Tropp,
es sei dir lieb oder leid.

Ich will brechen der Hölle Thor
und holen die Meinen hervor.

Jesus singt: Ego sum alpha et o etc.

Ich bin das A und das O0,
Alle sollen es wiszen so,
die drinnen sind in dieser Feste;
ich bin der Erste, der Letzte und Beste,
der Schlüszel Davids ich bin:
die Meinen nehm ich mit mir hin.

Satanas.
Wer ist dieser Mann mit dem roten Kleide,
der uns tut so viel zu leide?
Das ist unhöflich ja getan,
dasz er uns also rennt an!

Jesus.

Schweig, Satanas, bange,
schweig, du verdammte Schlange !
Springet auf ihr höllischen Thor!
Die Seelen sollen alle hervor,
die darinnen sind gefangen.
Ich hab an dem Galgen gehangen,
um die Meinen hab ich gestritten,
grosze Pein hab ich erlitten, 
an meinem Leibe fünf Wunden: 

damit soll Lucifer werden gebunden —
bis da kommt der jüngste Tag.

Chor.
Das ist ihm ewige Pein und ein harter Schlag.

Jesus zerbricht mit Gewalt die Thore der Hölle. 

Jesus.
Weicht und eilt von der Stelle,
alle die ihr der Hölle Geselle.

Er greift Lucifer wid bindet ihn mit Ketten.

Lucifer, du böser Gast,
du sollst bleiben in dieser Ketten Last,
sollst keinen Geist mehr quälen hier,
meine Lieben sollen wol gedeihen vor dir.

Der Chor singt „Sanctorum populus”.
Die Seelen singen „Advenisti”.
Jesus singt „ Venite benedicti”Kommet her meine Gebenedeiten,
ich will euch nach Pein nun Freude bereiten,
ich will euch führen in meines Vaters Reich,
da ihr sollet den Engeln gleich
besitzen die lautere Klarheit,
die sonder Ende ist euch bereit.

 

Er nimmt Adam bei der rechten Hand.

Adam, reich mir her dein rechte Hand:
Heil und Leben sei dir bekannt!
Ich vergebe dir
was du hast verbrochen an mir.

Adam.
Lob sei dir und Ehre,
aller Welt ein Herre!
Ich und all mein Geschlecht
war verdammet mit Recht:
nun willst du nach deiner Barmherzigkeit 
uns lösen von diesem Jammer und Leid.
Eva, Eva!
Selig Weib, nun zu mir nah !

Er singt „Te nostra suspiria.”

Jesus.
Du wärst an deinen Sünden gestorben:
nun habe ich dich mit meinem Tode wieder erworben :
und will dich bringen an meines Vaters Thron !

Eva.
O Herre Jesu, Gottes Sohn,
ich habe gesündigt wider dich,
da ich liesz betrügen mich,
dasz ich in deinem Gebot nicht bestand:
drum must ich bauen der Hölle Land
in Düsternis mit Sorg und Gefar
wol fünftausend Jahr:
nun bin ich erlöset offenbar!

Jesus zu Adam und Eva.
Folget mir mit der ganzen Schar!
Von denen mein Wille ist geschehn,
die sollen alle mit mir gehn.

Wie sie aus der Hölle ziehn wollen, greift der Teufel Tuteville 
nach dem Täufer Johannes und spricht:

Höret, ihr Mann mit dem rauhen Felle,
ihr bleibet bei uns in der Hölle !
Diese Kamelshaut, — schweig still ! —
die ist uns gut wenns regnen will.
Weist du nicht, dasz ich Tutevukke heisz?
Du sollst tun nach meinem Geheisz.
Du bist ja der letzte, der beste,
du must bleiben in dem Neste.

Johannes der Täufer.
Laszt mich ungeschoren,
ich hin auch erkoren:
von Jesu ist für mich Pfandquittung geschehn,
ich darf nicht länger als Geisel stehn.
Gehst du nicht gleich fort von mir,
versetz ich ein Schlag in die Weichen dir.

Satanas greift nach dem Täufer, indem er spricht: 
Höret mein lieber Mann, Herr Baptist!
Ihr versteht viel arge List:
wollt ihr so von dannen rennen?
So wahr ich lebe, ihr müst mit mir in der Hölle brennen!
Wollt ihr mir denn doch entfaren,
ich halte euch feste bei den Haren.

Der Täufer.
Satan, lasz mich gehn meine Wege
und keine Gemeinschaft mit mir pflege!
Hinab mit dir zum Grunde der Höllen!
da sollst du dich ewiglich quälen — :
ich soll mich nun zur Freude kehren
mit Jesu, meinem lieben Herren;
tust du das nicht unverwandt,
gröszerer Schade wird dir bekannt!

Er löst sich von den Teufeln und geht zu den Andern.

Puk.
Herre Meister Lucifer,
ihr seid recht ein Betrogener!
Ihr steht als ein unnützer Gauch,
man mag euch bei den Füszen hängen in den Rauch.
Geht zu den beschorenen Schafen und Böcken
und lernet von neuem Milch lecken!
Was für ‘ne Sucht euch doch anficht,
dasz ihr könnt Frieden finden nicht?
Ich habe wol oft gehört und ist auch rechte
der Ellerherr bezwingt den eichenen Knecht,

Lneifer.
Wehe mir nun und immermehr!
Welch ein Gewaltger ist dieser Herr!
Er nimmt uns was manch Jahr in Haufen wir an uns gezogen.
Ward jemand je also betrogen?
Wie heimlich hat er das zu Wege gebracht!
Wir sölltens fürwahr schon früher haben bedacht,
da eine reine Jungfrau ihn gebar,
was in der Welt noch niemals geschehen war.
Nun laszt es nur, meine Kumpane, geschehn:
wir wollen uns künftig beszer vorsehn!
Diese Schar war mit Unrecht gewonnen:
also ist sie uns wieder entronnen.

Fünfter Auftritt. Das Paradies.

V. 667—748.

Jesus.
Dir Michael, dem Engel klar,
Überantwort ich Adam und seine Schar
all zusammen gewis,
die sollst du bringen ins Paradies;
da sollen sie meiner wartend sein
und leiden keine Art von Pein.

Michael.
Wahrer Gottes Sohn, das soll werden
was du willst im Himmel und auf Erden;
ich will sie bringen in des Paradieses Frieden,
den du ihnen auf ewig beschieden.

Er führt die Seelen zu dem Paradiese fort, die da singen:
„Magna consolatio”. Ihnen entgegen kommt Elias und Henoch
(und der begnadigte Schächer); zu ihnen spricht:

Simeon.
Wer sind diese Zwen?
Saget uns, warum durftet ihr kein Weh bestehn ?
Ihr seid nicht in der Hölle gewesen:
680 wanim seid ihr vor  andern Leuten auserlesen?

Henoch.
Ich bin der alte Henoch
und lebe leibhaftig noch
wie ich war auf der Erden.
Gott liesz mich überhitzen und werden
in dem Paradeise
nach seiner göttlichen Weise.
Es soll ich und der Kumpan von mir
das Paradies bereiten hier
bis zu der bestimmten Frist,
dass da kommt der Antichrist:
so sollen leiden wir den Tot
und erlöset werden von irdischer Not.

Elias.
Ich bin geheiszen Elias,
der mit euch auf der Erde was,
da der hohe Gott es schafft,
dasz seine allmächtige Kraft
lebendig mich in den Himmel getragen
auf einem feurigen Wagen.
Der feurige Wagen mit Macht
hat uns an diese Stätte gebracht;
da sollen wir also lange sein
ohne jegliche Angst und Pein,
bis Antichristus kommt in das Land:
so werden wir wieder niedergesandt
und sollen sein wahre Prediger,
Zeugen gegen die falsche Lehr;
darum läszt er uns martern sogleich,
so kommen wir dann in das Himmelreich,
da sollen wir ruhn und es nicht bereuen;
dessen möget ihr euch wol freuen.

David.
Lieber Freund, wer bist du hie,
dasz du wanderst also früh
in des Paradieses Garten?

Der Ränber. 
Wiszt ihr nicht, wes ich soll warten?
Der Räuber bin ich, der am stillen Freitage
sprach zu Gottes Sohn mit seiner Klage:
,Herr, wenn du kommst, das bitt ich dich,
ins Vaters Reich, denk auch an mich!”

Da sprach er zu mir:
,,Amen, ja ich sage dir,
du sollst heute mit mir sein fürwahr
in dem Paradiese klar.”
Er sprach: ,,Diesz Kreuze sollst du mit dir bringen :
obs dir der Engel wollt abdringen,
Engel Gottes, diesz ist mein Warzeichen, sag,
am Kreuze man Gott in sein Herze stach”.
Hier sollst du mich bewaren,
bis Er Selber kommt hergefaren.
Darauf warte ich allhier.

Chor der Seelen.
Darauf warten wir mit dir.

Der Engel.
Als es Gott behaglich was,
als er schuf die ganze Welt mit Laub und Gras,
da schuf er ein Paradies der Lust,
da ruhen sollte des Menschen Brust.
Da wurdest du Adam hinein gesetzet, offenbar
ein Mensch nach Gottes Bilde klar,
hinaus hat dich geworfen deine Sünde,
dasz seit der selbigen Stunde,
länger denn fünftausend Jahr
von aller Menschen Schar
niemand hinein konnte kommen.
Nun hat euch Gott mit seinem Tot aus der Hölle genommen,
ich soll euch in diesz Paradies wieder bringen,
wo sie ein scharfes Schwert vorhiengen:
ihr sollt euch nicht fürchten davor! —
Tretet in des Paradieses Thor,
und wartet in dem wunnigen Sale,
bis dasz euch Gott Selber hole.

Die Seelen gehn durch das Thor des Paradieses.

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Teil 2 – Zweite Handlung

Sonntag 5. April 2009 von admin

Vierter Auftritt. Schlaf der Wächter.

V. 195—226.

Der Wächter auf dem Turme singt und als der Sang zu Ende ist, spricht er.
Ihr Ritter, wolbestellt,
denket an das Geld,
das man euch versprochen hat:
jeder tu da Mannes Tat!
Wachet, ob was vorfalle,
ich will euch helfen mit meinem Schalle.

Der erste Ritter.
Wächter, mein lieber Freund,
wache mit uns allen heint;
sei getreu uns und hold,
das bringet dir Silber und Gold.
Er legt sich zu schlafen. Der Wächter singt zum zweitenmal,
darnach spricht er:

Wacht auf, ihr Ritter schön!
Zwischen Hiddens Öe und Möen
sehe ich Zwei kommen her,
die flieszen auf dem wilden Meer
in einem Korbe, dünket mich.
Ritter gemeit, nu wahre dich!

Der andere Ritter.
Wächter, du lieber Mann,
wenn sie bei Pöl sind, sage mir’s an,
so will ich mich zur Wehre stellen
und sprechen zu meinen Gesellen.
Er legt sich schlafen. Der Wächter singt zum drittenmal,
darnach spricht er:

Ihr stolzen Ritter wachen sollt,
und verdienet mit Ehren den Sold;
es ist Mitternachts-Stunde,
ich höre laut bellen die Hunde.

Der dritte Ritter.
Vetter Wächter, bei meinem Leben,
all meinen Schatz will ich dir geben,
dasz ich mög ein wenig schlafen.
Ich kann mich nicht zusammenraffen
vor groszer Müdigkeit.
Mir helf des Kaisers Frau zur Zeit,
ich musz den Augen Futter geben,
und sollt man mich drum verjagen eben.
Er schläft ein. Als die Ritter schlafen, kommen die vier Engel
und sprechen „Silete!”

ZWEITE HANDLUNG. Die Nacht am Grabe.
Erster Auftritt. Die Engel am Grabe.

V. 227—248.
Raphael singt über dem Grabe.

Schlafet, ihr Wächter an dem Grabe,
seht ob Gott sein Werk hier habe,
das ihr nicht könnet wenden 
und mit keinen Dingen enden.

Sie singen wieder auf gleiche Weise. Darnach spricht 

Uriel, der vierte Engel.

Steh auf, Herre, Gottes Kind,
dem wir untertänig sind.

Steh auf, göttlicher Trost:
alle Schuld ist nun gelöst,
Erfüllt ist alles nun vollkommen,
seit deine Menschheit du an dich genommen,
die ewige Klarheit,
die Gott leiblich dir verleiht.

Steh auf, Herr, des begehren wir,
die wir zu allen Zeiten dienen dir.

Steh auf, Herr, von deiner Ruh!
alle Menschen erfreue nu
du und die Arche deiner Heiligkeit,
die hier in diesem Grabe ist bereit,

Steh auf, Mensch und Gott,
du leidest nicht mehr Pein oder Not.

Steh auf von aller Pein,
bist deinen Auserkornen ein ewger Freudenschein.

Zweiter Auftritt. Die Auferstehung.

V. 249—258.

Nun bebet die Erde, Jesus ersteht aus dem Grabe und
singt „Resurrexi”, darnach spricht

Jesus.
Nun sind alle Dinge vollbracht,
die längst in der Ewigkeit waren bedacht:
dasz ich des bittern Todes sollte sterben
und dem Menschen Gnade wieder erwerben.
Drum bin ich nun auferstanden,
will lösen der Hölle Banden,
Adam mit Even holen mir
und alle meine Lieben herfur,
ihnen ist ewige Freude bereitet,
ob Lucifers Hochmut sie hatte verleitet.

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Teil 1 – bis vierter Auftritt

Samstag 4. April 2009 von admin

Das Meklenburger Osterspiel (Redentiner Osterspiel)

vollendet im Jahre 1464

zu Redentin

aus dem niederdeutschen übertragen von
Dr. Albert Freybe, 1874, Bremen.

Prolog 1—18.

Der erste Engel.

Schweiget alle gleich,
beides Arm und Reich!
Wir wollen euch ein Bild hier geben,
wie sich vom Tode erhoben zum Leben
Gottes Sohn, Jesus Christ,
der für mich gestorben ist;
wie die Auferstehung geschehn,
das möget ihr alle gerne sehn.

Der andere Engel.

Setzet euch nieder in groszer Freud,
die ihr hier versammelt seid!
Freuet euch zu dieser Zeit,
ihr mögt werden von Sünden befreit !
Gott will zu dieser Zeit erlösen
die ablaszen von dem Bösen;
die mit Gott heute auferstehn,
die sollen befreit von Sünden gehn..
Auf dasz euch das allen gescheh,
ein jeglicher höre und seh!

ERSTE HANDLUNG. Die Grabwache.

Erster Auftritt. Beratung zur Grabwache.

V. 19—40.

Der Juden Schule. Kaiphas und die Obersten der Juden sitzen
zu Rate. Zu ihnen kommen zwei Juden gegangen.

Der erste Jude.
Kaiphas und auch ihr Herren all,
eine Rede ich euch sagen soll:
Dieser Jesus wollt Gottes Sohn sich nennen,
er meinte vom Tot wol genesen zu können.
Er sprach sehr schreckliche Wort,
die ihr von seinen Mannen gehört:
er wollte aufstehn an dem dritten Tage.
Darum ich euch das sage,
ihr müszet das Grab laszen bewaren,
dasz er uns nicht könne entfaren.
Sonst machen die Jünger uns heimlich zu Schanden
und sagen, er sei vom Tode erstanden.

Kaiphas.
Jude, du sprichst wahre Kunde.
Wären seine Jünger im Bunde,
ihn zu stelen und wegzunehmen,
des möchten wir uns warhaftig schämen.
Wollet ihr tun nach meinem Wort,
so sollet ihr euch bereiten sofort
und sollet zu Pilatus gehn
und laszen ihn unsere Meinung verstehn,
wie ihr sie gehöret an diesem Ort. .

Die beiden Juden.
Das wollen wir tun, gleich gehen wir fort.
Sie gehen fort und zu Pilatus Haus.

Zweiter Auftritt. Bitte um die Grabwache vor Pilatus.

V. 41—70.
Pilatus Haus. Pilatus und seine Söldner. Die Juden kommen.

Der erste Jude.
Gott grüsze dich Pilatus hier!

Pilatas.
Sprich Jude, was bringst du Neues mir?

Der andere Jade.
Pilatus, du wollst uns in Gnaden ansehn,
wenn wir dich mit einer Bitte angehn!
Pilatus, wir tun sie aus Not.
Wir bitten dich bei dem lebendigen Gott,
der da schuf was grün auf dem Land,
dasz du Jesum, der vor dir gerichtet stand,
wollest laszen bewaren.
Wir fürchten, dasz seine Jünger herfaren
und nehmen seinen Leichnam dahin
und sprechen dann alle mit stolzem Sinn,
Jesus der sei auferstanden :
so müszen wir weichen mit allen Schanden.

Pilatus.
Kommts nun? Fanget ihr an zu beben?
Glaubt ihr ein toter Mann werde leben?
Tut euch solcher Rede doch ab
und bewaret selber das Grab !

Der erste Jude.
Pilatus, du wollest ermeszen,
ich habe es noch nicht vergeszen:
Jesus liesz oft seine Jünger verstehn,
er wollte an dem dritten Tage lebendig aus dem Grabe gehn.
Das sagte er ganz offenbar,
drum fürchten wir seine grosze Schar,
ihrer sind viel an diesem Ort.
Auf dasz man nicht trage den Leichnam fort,
so schicke aus eine Wache!
Pilatus, bedenke die Sache!

Pilatas.
Will ich bleiben in guter Ruh,
so musz ich euch schicken die Wache zu.

Dritter Auftritt. Anordnung der Grabwache.

V. 71—194.

Pilatas zu den Rittern.
Stolze Ritter in meinem Sold,
man soll euch geben Silber und Gold,
dasz ihr bewaret Jesum,
den sie heiszen Nazarenum.
Wachet wol an dem Grabe drausz’,
dass niemand nehme den Leichnam heraus.

Der erste Ritter.

Nun seht, ist’s nicht zum Lachen,
soUn einen toten Mann wir bewachen? —
Ihr fürchtet die nicht zu fürchtende Tat !

Der andere Ritter.
Was mags schaden? Hört meinen Rat:
wir wollen nehmen ihre Gabe
und mit ihr gehen zu dem Grabe;
will man uns Drei zum Geleite geben,
wir bewachen den Toten, als sollte er leben.

Der erste Ritter. 
So will ich einer der Hüter werden,
vor mir soll er nicht gehn aus der Erden.
Erhöb er sich nur, vom Tode erweckt —
gleich wäre er wieder zur Erde gestreckt!

Der andere Ritter.
Ich will der andre Hüter sein, 
sollt es auch kosten das Leben mein.
Die Schande soll uns nimmer geschehn,
dasz er soll vom Tode auf stehn.
Ich spreche das mit gutem Grunde:
wenn er erwachte zur Stunde, 
ich wollte mit ihm also anbinden,
tot vor meinen Füszen sollt man ihn finden.

Der dritte Ritter.
Mir scheint die Rede wolgetan:
ich will auch werden euer Kumpan
und helfen ihn euch so bewaren,
dasz er uns nimmer soll entfaren.
Wäxe er auch noch so behende, 
wir wollen behalten ihn sonder Ende.

Der vierte Ritter.
Ich bin auch ein starker Held:
ich will euch helfen bewaren das Feld.
Ich will mit Treuen und Ehren
dienen Pilatus, meinem Herren,
stehet er auf ehe es tagt,
ich gebe euch meine Mume zur Magd»

Der erste Jude.
Ihr Ritter, das soll euch nimmer gereuen!
Ich sage euch das mit Treuen:
bewaret ihr wol den Held,
wird euch das verheiszene Geld
auf einem Brette gezalet ab.

Chor.
Da giengen sie alle zum Grab.

Der erste Ritter. 
Nun tretet vor, ihr Recken kühn,
laszet uns zu dem Grabe ziehn!
Das Geld machet den Held springen:
wolan!  ich will euch vor singen.

Sie gehen mit den Juden zum Grabe.
Strasze. Pilatus geht aus dem Hiuise, vor ihm sein Knecht.

Pilatus Knecht.
Weichet alle gleich,
beides Arm und Reich!
Ihr sollt euch all von der Strasze kehren,
Platz machen Pilatus, meinem Herren,
er will um sotaner Sache herkommen,
die gereicht den Juden zu Nutz und Frommen.

Pilatus geht mit den Söldnern zum Grabe ; wie er zu dem Grabe kommt, spricht

Pilatas zu dem ersten Ritter.
Salomon, ich halte dich für den besten:
du sollst hier liegen in das Westen.
Da sollst du die Stätte also bewaren,
Dasz dir Jesus nicht möge entfaren.
Läszest du dir ihn entschleichen, —
aus dem Lande sollst du mir weichen!

Der erste Ritter.

Ich geh liegen in das Westen,
denn ich halte mich auch für den besten.
Diesen Ort will ich bewaren.
Kommt mir jemand hergefaren,
den bring ich also in Nöten,
er liesze sich lieber vom Keichhusten böten.
Mein Schwert heiszet Miming
und löset Platten, Panzer und Ring.
Das will ich nahe bei mir’ sehn. 
und will damit sitzen gehn.
Ob er vom Tot werd auferweckt,
gleich wird er wieder zur Erde gestreckt.
Er geht nach Westen.

Pilatus zu dem andern Ritter.
Sampson, wach du in dem Norden hier,
erfülle getreu den Befehl von mir, 
 so du willst Lohn von mir empfahn.
Ich bin dir gewogen sonder Wahn:
bleib mir im Dienste treu und hold,
ich will dir geben reichen Sold
und bedenk zuvor was gescheh,
damit dir nichts verloren geh!

Der andere Ritter.
Ich lege mich hier in das Norden,
käme hier jemand, den wollte ich morden,
es sei zahm oder wild.
Ich bin geheiszen Hau auf den Schild
und will hier sitzen und schauen,
dasz ich ihn möge verhauen
mit meinem freislichen Schwerte,
wenn er wollt aufstehn aus der Erde.
Er geht an das nördliche Ende.

Pilatus zu dem dritten Ritter.
Menschenkind Boas von Thamär, hör!
Du bist an Sinnen gar so schwer:
dir hab ichs am bequemsten gemacht,
nimm meine Lehre wol in Acht:
in dem Osten sollst du uns wachen !
Wollt Jesus sich aus dem Grabe machen,
da sollst du also sehen zu,
dasz er uns nicht neuen Schaden tu.

Der dritte Ritter.
In das Osten will ich mich legen
und stützen mich auf meinen braunen Degen.
Mein Schwert das heiszet Klinge
und ist scharf recht wie eine Schwinge,
das rauschet in meiner Scheide:
Schmach dem, der herkommt mir zu Leide !
Ich wollt ihm versohlen das Bein mit dem Stahl,
dasz er litt ein Jahr an dem Kniebug  Qual.
Dieselbe Stätte will ich mir erküren,
will nichts von meiner Ehre verlieren.
Ich sage euch das vorher,
steht er auf, es soll ihm werden schwer.
Er geht an das östliche Ende.

Pilatas zu dem vierten Ritter.
Mein treuer Ritter Sadoch,
tapfer bist du gewesen annoch:
in das Süden sollst du dich kehren,
da sollst du dir dein Lob vermehren,
dasz du mögest zur Zeit da wachen;
denn es sind bedenkliche Sachen:
sollte er in der dritten Nacht aufstehn,
Schande müsst über uns alle ergehn.

Der vierte Ritter.
Ich geh liegen an der südlichen Seiten:
er soll uns nicht entgehn, oder reiten,
Krieg ich mein Schwert in meine Hand, 
ich will ihn drängen auf die Wand,
dasz ihm alle Rippen sollen krachen;
dazu so helfet mir alle wol wachen
und laszet euch den Schlaf nicht betriegen!
Ungestraft soll er uns nicht entfliegen.
Er geht an das südliche Ende. Pilatus kehrt zu seinem Hause und die Juden zu der Juden Schule.

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